#Charakters of september 2018 – Teil 2

Orginalbild hier

 

Heute geht es weiter, mit den nächsten 10 Fragen der #charakterofseptember Challenge meiner tolle Autorenkollegin Gabi Büttner.

Wer die Fragen beantwortet?
Auf Facebook habt ihr euch Talion, meinen Überraschungskandidaten aus dem aktuell noch unveröffentlichtem Manuskript ‚Nummer 365 – Der Abendstern‘ gewünscht.
Mit ein paar Tricks konnte ich ihn hier, im ersten Teil des Interviews, dazu bewegen sich den Fragen zu stellen.

Heute geht es weiter mit dem Themenbereich ‚Familie und Freunde‘.

Und schon geht es los:

 

Stimme: „Hallo Talion. Schön, dass du wieder gekommen bist. Das hätten wir, ehrlich gesagt, nicht unbedingt erwartet.“

Talion: „Nein. Ich auch nicht. Wie standen die Wetten? Hundert zu eins?“

Stimme: „Wir möchten nochmal versichern, dass dieses Gespräch absolut vertraulich ist.“

Talion: „Und ich möchte nochmal versichern, dass ich euch das nicht glaube.“

Stimme: „Nun, da werden wir wohl unterschiedlicher Meinung bleiben müssen.“

Talion: „Sieht so aus.“

Stimme: „Sollen wir beginnen?“

Talion: „Sonst wäre ich ja wohl nicht gekommen.“

Stimme: „Die heutige Sitzung steht unter dem Thema ‚Familie und Freunde“.

Talion lacht: „Na dann werden wir schnell fertig sein.“

 

Stimme: „Wir werden sehen. Wann und wo wurdest du geboren?“

Talion: „Scheiße. Das fängt ja gut an. Keine Ahnung, wann oder wo. Und vor allem wurde ich nicht geboren.“

 

Stimme: „Feierst du deinen Geburtstag? Was bedeutet dieser Tag für dich?“

Talion: „Sagt mal, arbeitet ihr da einfach eine verdammte Standard-Fragen-Liste ab? Was glaubt ihr denn? Ich weiß nicht einmal, welcher Tag das sein soll. Und selbst wenn? Warum zum Henker sollte ich den Tag feiern, an dem ich gezwungen wurde dieses beschissene Leben zu beginnen? Es war nur der Anfang von Schmerz, Leid und Hass.“

Stimme: „Gut, das war vielleicht tatsächlich etwas unglücklich formuliert.“

Talion: „Etwas unglücklich formuliert? Wollt ihr mich verarschen?“

 

Stimme: „Schon gut. Versuchen wir es so: Wie und wo bist du aufgewachsen?“

Talion: „Besser nicht. Ich hasse es, daran zu denken. Ich hasse es noch mehr, darüber zu sprechen.“

Stimme: „Tu es trotzdem.“

Talion: „Ist das etwa ein Befehl?“

Stimme: „Nein. Wie du weißt ist das hier ist freiwillig. Es ist nur eine Empfehlung. Diese Informationen sind wichtig für uns.“

Talion: „Wieso? Was nützt es euch, zu wissen, dass ich in einem sterilen Labor aufgewachsen bin? An einem grausamen, kalten Ort. Ständig bedroht von schmerzhaften Experimenten und einem frühen Tod. Was bringt das? Es ist vorbei.“

Stimme: „Aber nicht vergessen.“

Talion: „Nein. Niemals.“

 

Stimme: „Und deshalb hilft uns deine Antwort. Denk bitte auch bei der nächsten Frage dran: Warst du ein glückliches Kind?“

Talion: „Was für eine bescheuerte Frage. Natürlich nicht. Das Einzige das mich glücklich gemacht hat, war der Gedanke daran, von dort zu verschwinden. Mich und meine Brüder aus ihren Klauen zu retten. Ein neues Leben anzufangen. Aber so kam es nicht. Ganz und gar nicht.“

Stimme: „Talion? Alles in Ordnung?“

Talion: „Nein. Scheiße. Nichts ist in Ordnung. Jetzt stellt endlich die nächste Frage.“

 

Stimme: „Nun dann: Warst du gut in der Schule?“

Talion schnaubt: „Welche Schule? Natürlich habe ich gelernt, was SIE wollten, das ich lerne. Sonst wäre ich draufgegangen. Und ich war gut. Richtig gut. Aber das war nicht das, was ihr euch unter einer verdammten Schule vorstellt. Es war pures Überleben.“

Stimme: „Und später?“

Talion: „Später? Als ich … Jedenfalls war ich irgendwann in 67. Und wie ihr sehr genau wisst, war ich auch hier in keinerlei Ausbildung. Ihr habt mich einfach mitgenommen aufs Schlachtfeld. Ich denke, unser guter Vadim hat da etwas gedreht. War doch sehr gegen die ach so ehernen Grundsätze des Rates, oder? Einfach einen Zwölfjährigen in den Krieg zu schicken. Und natürlich war ich auch dort verdammt gut. Wie auch nicht? Schließlich ist das Soldatenleben der einzige Zweck meiner Existenz. Reicht euch das?“

Stimme: „Ja.“

Talion lacht: „Keinen Tadel für die Worte gegen den edlen Ratsvorsitzenden Vadim?“

Stimme: „Wir leben in einer Demokratie. Jeder darf seine Meinung frei äußern, ohne mit Konsequenzen rechnen zu müssen.“

Talion: „Seid ihr wirklich so dämlich? Wenn Vadim eine Möglichkeit sieht, wird es ganz schnell vorbei sein mit eurer ach so geliebten Meinungsfreiheit. Und ganz neben bei, mit der Demokratie natürlich auch.“

Stimme: „Das hier soll keine politische Diskussion werden.“

Talion: „Nein. Über solche Kleinigkeiten wollen wir selbstverständlich nicht sprechen. Also?“

 

Stimme: „Wofür bist du deinen Eltern dankbar?“

Talion: „Sagt mal, habt ihr etwas mit den Ohren? Wie oft muss ich mich denn noch wiederholen? Ich wurde nicht geboren! Also habe ich auch keine verfluchten Eltern!“

Stimme: „Aber du hast doch jemanden, der einem Elternteil sehr nahe kommt.“

Talion: „Jetzt reicht’s! Wollt ihr wirklich behaupten, sie wäre so etwas wie eine Mutter für mich? Ausgerechnet sie? Die Frau, die ich mehr hasse, als jeden anderen Menschen? Die Frau, die alle meine Brüder ermorden ließ? Wirklich? Sie soll meine Mutter sein? Und ich soll ihr auch noch dankbar sein? Dankbar!“

Stimme: „Talion. Hör auf damit! Lass die Sensoren an ihrem Platz!“

Talion: „Ihr könnt mich mal! Ich gehe!“

Stimme: „Nein, warte! Es wäre nicht gut, die Sitzung jetzt zu unterbrechen. Wir werden das Thema wechseln. Versprochen. Freundschaft ist dir doch wichtig, oder?“

Talion: „Freundschaft? Jetzt kommt ihr mir mit Freundschaft?“

Stimme: „Genau. Setz dich wieder hin und lass uns weiter machen.“

Talion: „Das ist eure letzte Chance. Noch so ein Ding wie gerade und ich bin weg.“

 

Stimme: „Einverstanden. Also: Hast du viele Freunde?“

Talion: „Nein. Ich habe nur einen Freund. Den Besten.“

Stimme: „Yunes?“

Talion: „Yunes.“

 

Stimme: „Wer kennt dich am besten?“

Talion: „Na, er. Es gibt sonst niemanden. Niemand, der mich je lange genug ertragen hat. Lange genug, um nicht nur einen gestörten Soldaten in mir zu sehen, meine ich.“

Stimme: „Und Yunes ist anders? Was sieht er in dir?“

Talion: „Viel zu viel, was ich nicht bin. Aber wahrscheinlich in erster Linie einen Freund. Und da sind wir uns ausnahmsweise mal einig.“

Stimme: „Ihr seid also oft unterschiedlicher Meinung? Seid verschieden?“

Talion: „Oh ja, wir sind so verschieden wie ein freundlicher Hund und ein tollwütiger Mutant.“

Stimme: „Und es funktioniert trotzdem?“

Talion: „Freundschaft ist doch keine Sache von Gleichheit.“

Stimme: „Sondern?“

Talion: „Von Akzeptanz. Und von Vertrauen.“

 

Stimme: „Interessant. Und wie zeigst du, dass du jemanden nett findest?“

Talion: „Wenn ich ihm eine reinhaue, entschuldige ich mich danach bei ihm.“

Stimme: „Tatsächlich? Das ist alles?“

Talion zuckt mit den Schultern: „Ich bin nicht gut darin nett zu sein. Ganz im Gegenteil.“

 

Stimme: „In Ordnung, letzte Frage für heute: Gibst du Menschen eine zweite Chance?“

Talion: „Wie gesagt, ich bilde mir schnell ein Urteil. Meistens kann ich mich darauf verlassen. Sollte ich mich aber tatsächlich einmal irren, sage ich das.

Wäre schön, wenn das auch mal jemand bei mir machen würde. Aber die meisten denken nur: Der verrückte Talion. Für den Krieg ist er ja gut zu gebrauchen, aber am besten sperrt ihr ihn danach in irgend einen Käfig. Wo ein wildes Tier eben hingehört.“

Stimme: „Danke für deine ehrlichen Worte. Schön, dass wir dieses Gespräch doch noch zu Ende bringen konnten.“

Talion: „Wenn ihr meint.“

Stimme: „Bei unserem letzten Treffen wird es um deine Ziele, Wünsche und Ängste gehen.“

Talion: „Klingt ja unheimlich verlockend.“

Stimme: „Wirst du kommen?“

Talion: „Keine Ahnung. Wir werden sehen.“

 

 

 

 

 

 

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